Grünblauäugige Lesbarkeitseinschätzung?

Dieses Thema im Forum "Allgemeine Diskussionen" wurde erstellt von Flixiflix, 2. März 2021.

  1. Flixiflix

    Flixiflix Active Member

    Mein längstes unvollendetes Manuskript umfasst 176.000 Wörter und ist damit deutlich größer als der zweitgrößte Fehlschlag mit 96.000 Wörtern. o_O Ich bewerte das allerdings nicht negativ, sondern als notwendigen Teil des Prozesses, gemäß dem Motto, das Scheitern nicht das Gegenteil von Erfolg ist. Die Texte sind zehn Jahre und älter, damals hab ich noch kein Papyrus Autor verwendet und ich nehme an, dass sich mein Schreibstil seither weiterentwickelt hat. Amüsanterweise zeigt mir Papyrus aber in der Lesbarkeitseinschätzung der Stilstatistik an, dass sämtliche Kapitel grün oder blau sind :sick::notworthy::censored::D:ROFLMAO::cool::confused::eek: Nur innerhalb der Kapitel blinkt mal etwas gelb oder rot auf, dafür in wörtlicher Rede sogar lila :rolleyes:. Hat sich seit damals zumindest in Sachen Lesbarkeit nichts geändert? Habe ich also ein Kinderbuch-Talent? :ROFLMAO:
    Versteht mich nicht falsch, mein Anspruch ist durchaus lesbar zu schreiben, aber unerwartet war das trotzdem. Ein anderes Manuskript von 2014 mit 76.000 Wörtern strahlt ebenso grün, wie mein aktuelles Projekt mit 90.000 Wörtern, wobei ich da ab und an auch mit der Kapitelübersicht im gelben Bereich liege (vor allem durch unbekannte Wörter und zu lange Sätze), allerdings nur bis zur Korrekturphase. In dieser arbeite ich mich flugs wieder zur Ideallinie hinauf.
    Wie anspruchsvoll und aussagekräftig ist die Lesbarkeitseinschätzung über den Schreibstil eines Autors? Und wie ist ihr Nutzen im Vergleich zur Stilanalyse zu bewerten? Die Stilanalyse zeigt mir je nach Einstellung bzw. Strenge ein Haufen Holz an. Relevante Vorschläge sind dabei gefühlt häufiger vertreten als irrelevante. Nur hat das zur Folge, dass die Texte weiter ins grün-blaue rücken. (n)
    Sollte ich mich darüber freuen oder kritisch hinterfragen, ob mein Stil zu schlicht ist?
    Orientiert ihr euch an der grün-blauen Linie? Und wie umfrangreich sind eure größten "Fehlschläge?"
     
  2. Ulli

    Ulli Administrator Mitarbeiter

    Das kann man schwer beurteilen, ohne den Text selbst zu sehen. Und dazu zu sehen, zu lesen, was Du schreibst.

    Ich hätte nichts dagegen, wenn meine Werke grundsätzlich im grünen und blauen Bereich wären - gut lesbare Sprache verleiht Leichtigkeit, Schnelligkeit und hat eine gewisse Eleganz in sich.

    Generell gilt, dass "Grün" und "Blau" den Vorteil hat, dass der Autor "auf den Punkt" gekommen ist. Ein Satz, der mit vielen Worten herumeiert und nicht klar das Thema, nicht deutlich die Aussage trifft, ist naturgegeben länger - und schlechter.

    Bei Sachbüchern - das nur als schneller Exkurs - ist "knapp" immer gut.
    Man formuliere so scharf, wie es der komplexe Sachverhalt erlaubt. Die Elfenbeinturm-Gelehrtensprache der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den Göttern sei Dank weitgehend ausgedient.
    Gelehrt zu klingen (in Form langer Sätze mit möglichst vielen Fremdwörtern) heißt nicht, gelehrt zu sein, sondern kommt oft verschwurbelt rüber. Es muss nicht sein, dem anderen mittels "Fachsprech" zu sagen, dass er keine Ahnung hat, denn genau deswegen liest er ja gerade das Buch.

    Es hängt vom Inhalt der Szene ab, besonders bei Romanen. Eine gelungene Metapher kann knapp und trocken sein - oder in die Hose gegangen, oft unabhängig von der Länge der Formulierung.

    "Gut lesbar" (Grün, Blau) vermittelt Tempo. Aber kann auch manchmal auch eine gewisse Härte mit sich bringen.
    Bei den Figuren vermittelt es in deren wörtlicher Rede oder auch ihrer Beschreibung und deren Handlung einen bestimmten Charakter. Zielstrebigkeit, klare Handlung.
    Der einsilbige Philip Marlowe würde ja seinen Zigarettenstummel aus dem Mundwinkel verlieren, würde er eine längere Rede halten, die Sätze über je eine halbe Seite beinhalten.
    Eine zögerlich vorgetragene Liebeserklärung andererseits - der Held traut sich endlich, sich der Angebeten zu offenbaren - mag etwas unromantisch rüberkommen, wenn sie nur sehr "einsilbig" vorgetragen würde. Kann aber auch Absicht sein (er findet keine Worte). Es kommt halt (sagte ich glaube ich schon) auf den Inhalt, die Aussage an.
    Auch Hercules Poirot kommt mit einem knappen "der da war's!" nicht gut an, der muss langatmig den Tathergang erklären, er ist eben gewollterweise so angelegt.

    Es besteht jedenfalls kein Grund, sich hier verrückt zu machen. Sind die Sätze stimmig? Liest es sich flüssig? Prima!
    Stimmt das Tempo? Jeweils auf die Szene angepasst?
    Ist die Action-Szene, die Verfolgungsjagd, knapp und "hart" formuliert? Gut!
    Baut die Eingangsszene zur Romanze aber im Gegenteil durch Langsamkeit Spannung auf, wird das Tempo auch sprachlich bewusst herausgenommen? Gut!

    Ich kenne einen Autoren, der in einer ersten Überarbeitung tatsächlich seine Sätze oft als zu kurz empfunden (!) hat (nicht, dass sie es wirklich waren). Er hat dann etliche Sätze, immer wenn es ging, einfach mit vielen "und" verbunden, nur damit die Sätze länger wurden. Das las sich dann wirklich übel, weil es auffällig den vorher so gewollten Text absichtlich "stilistisch" verändert hat - es las sich gekünstelt.

    Hab' ich schon erwähnt, dass es auf den Inhalt ankommt? :)
    Stell' doch einfach mal eine Leseprobe im passenden Forenbereich ein.
     
    Milar, Flixiflix, Manuela K. und 2 anderen gefällt das.
  3. Buchling

    Buchling Well-Known Member

    Bei mir ist auch alles grün und blau, allerhöchstens driftet ein Absatz mal ins Gelbe ab. Ich finde das nicht schlimm, komme aber auch aus einem Beruf, wo einfaches Schreiben als Maß der Dinge gilt - die Leser sollen's ja verstehen können, und das ohne Hirnakrobatik. Daß ich deshalb kindlich schreibe, würde ich bestreiten. Eher nehme ich die Farbe als Kompliment; eigentlich habe ich nämlich eine Tendenz zu Schachtelsätzen. Die wären schlechter Stil; einfache Sätze nicht.

    Ich zitiere mal aus dem Papyrus-Wiki: "Die wichtigsten Kriterien sind die »Wortschwierigkeit« und »Satzkomplexität«."
    Beides sagt nichts über die Qualität des Textes aus, sondern nur über seine Verständlichkeit; im Gegensatz zur Stilanalyse. Müssen Deine Leser sich das Hirn verrenken oder einen gewissen Bildungsgrad mitbringen? Vermutlich nicht; aber auch das könnte sein, denke ich mal an die ganzen altmodischen Worte, die ich in meinem Buch nutze, um das mittelalterliche Setting sprachlich nicht zu sprengen. Aber was ist schlecht daran, wenn einen viele Leser verstehen? In meinen Augen wäre es viel schlimmer, wenn alles rot wäre.

    Alles, wozu ich die Lesbarkeitsanalyse nutze, ist zu gucken, ob ein Absatz sich verständnistechnisch sehr von anderen unterscheidet, und ob er das aus gutem Grund tut (gute Gründe hat @Ulli ja aufgezählt) oder nicht. Denn insgesamt einheitlich sollte es sonst schon sein. Bei der Stilanalyse hingegen schaue ich mir jeden einzelnen Kringel sehr genau an. Und ja, je weniger bunt die Stilanalyse, desto grüner und blauer die Lesbarkeitsanalyse.

    Zu Deiner anderen Frage: Mein Buch hat bis jetzt 187.000 Worte, und es werden noch ein paar hinzukommen...
     
  4. Zauberfrau

    Zauberfrau Well-Known Member

    Alex Sassland, Buchling und Flixiflix gefällt das.
  5. Flixiflix

    Flixiflix Active Member

    Das ist eine gute Erklärung. Da ich actionreiche Fantasy schreibe sollte grün und blau also schwer in Ordnung sein. Tatsächlich handeln viele meiner Protagonisten zielstrebig, wenn sie sich nicht gerade Zeit für ein Pläuschen nehmen, das Informationen liefern soll.

    Ein Autor, der seine Sätze absichtlich verlängert? Es gibt offenbar nichts, was es nicht gibt.
     
    Zauberfrau gefällt das.
  6. Neri

    Neri Member

    Mein erstes abgeschlossenes Manuskript ist ein Kinderabenteuer. Das sollte natürlich überwiegend blau erscheinen, was mir bis auf zwei Kapitel im oberen grünen Bereich auch gelungen ist. Das wurde dann in einem anderen Forum heftig diskutiert und man empfahl mir zum Vergleich mal ältere Klassiker zu testen, die ganz sicher gelb bis grün ausfallen würden.

    Das habe ich dann auch gemacht und fand das Ergebnis sehr beeindruckend:

    mehrere Kapitel der SCHATZINSEL
    mehrere Kapitel von PIPPI LANGSTRUMPF

    Hier die Ergebnisse:
    Pippi Langstrumpf
    t_kinderbuch_lesbarkeit_240.jpg


    Schatzinsel:
    t_klassiker_lesbarkeit_196.jpg

    Mein Kinderabenteuer:
    t_lesbarkeit_kiju_buch_239.jpg
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2021 um 12:32 Uhr
    Stolpervogel und Milar gefällt das.
  7. AndreasE

    AndreasE Well-Known Member

    Sieht doch schon mal nicht schlecht aus.
     
  8. Neri

    Neri Member

    Find ich auch! ... vielleicht sollte ich anstelle eines Exposés das Balkendiagramm an Verlage und Agenturen senden ;)