Lire Michel Houellebecq

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Palinurus, 25. August 2020.

  1. Palinurus

    Palinurus Well-Known Member

    Hallo zusammen,

    mich interessiert, ob es hier im Forum Leser des sog. enfant terrible der rezenten frz. Literaturszene, also Michel Houellebecqs, gibt und wie sie ihn -- als Literaten -- einschätzen.

    Meiner Beobachtung nach ist das Echo auf seine Romane in D deutlich zwiefältiger als in F: Neben einer begeisterten Leserschaft und verhalten gewogenen bis wohlwollenden Rezensenten wird Houellebecq hierzulande immer wieder gern in Bausch und Bogen verrissen, als "rechts denkend" (und damit automatisch "böse") ausgewiesen und tlw. auch hart wegen vorgeblicher Misogynie als auch misanthropischen Denkens angegangen.

    Zwar kann ich solche Negativ-Urteile -- bei entsprechender Perspektivenübernahme im Modus der Simulation -- einigermaßen nachvollziehen, allerdings kaum von der eigenen Anschauung her; denn mir scheint, M.H's Schreiben werde dabei allzuoft als platte, öffentlich breitgetretene Autorenmeinungsäußerung mißverstanden, wenngleich ich gerne einräume, daß er manchmal selbst seinen Teil dazu beiträgt -- freilich nicht literarisch (dann wäre er ja nur ein Dilettant, was er m.E. aber gewiß nicht ist!), sehr wohl jedoch anbei bestimmter Interview-Äußerungen u.ä.

    Ich gestehe jedenfalls, ihn gern zu lesen, wenn auch sicher Qualitätsunterschiede zu verzeichnen sind. Meine Favoriten sind Serotonin, Unterwerfung und Karte und Gebiet, weniger überzeugt haben mich Plattform sowie Die Möglichkeit einer Insel. Daneben habe ich noch seinen Schopenhauer-Essay gelesen, bei dem ich denke, er hätte es besser unterlassen, sich explizit philosophisch betätigen zu wollen ... das ist wohl weniger sein Metier ...

    Wie steht ihr zu seinen Büchern? Was sind eventuell eure Favoriten darunter? Und warum mögt ihr ihn oder lehnt ggf. auch ab, was er macht?

    Freue mich auf Ansichtsäußerungen!

    Viele Grüße von Palinurus
     
  2. Krimitante

    Krimitante Well-Known Member

    Serotonin habe ich nicht gelesen, da ich das Thema einfach zu düster empfand. Sowie der Spiegel es damals auf den Punkt brachte, ...eine Reise ans Ende der Nacht. Beim Roman Unterwerfung spricht er meiner Meinung nach ein interessantes Thema an. Es geht um die muslimiesierung Frankreichs. Aber ich habe aus dem Buch nur einige Passagen gelesen, auch hier etwas zu düster. Allerdings würde ich mir nie ein Urteil erlauben, da ich die Werke nicht komplett kenne.
     
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  3. Palinurus

    Palinurus Well-Known Member

    Hallo @Krimitante ,

    mir will scheinen, "das Düstere" sei sicher jenes Wasser, in dem der Houellebecq-Fisch am souveränsten schwimmt. Und insofern du andere Gewässer bevorzugst -- was für mich nachvollziehbar ist --, wirst du von Büchern wie Serotonin dann natürlich eher die Finger lassen (denn düster ist es tatsächlich!), möglicherweise sogar überhaupt von Houellebecqs Werken. Keines von ihnen, das ich gelesen habe, ließe sich nach meinem Dafürhalten 'nicht-düster' nennen.
    Mich faszinieren "düstere Werke", sofern sie Authentizität aufweisen, was ungefähr so viel heißen soll, als daß es sich nicht um konstruierte Düsternis handeln sollte denn um tatsächlich erlebte. Wobei es mir weniger um inhaltliche Authentizität geht -- hat Joseph Conrad "wirklich" ins beschriebene Heart of Darkness geblickt oder Francis Ford Coppola ins reale Geschehen dessen unsagbarer cinematographischer Umsetzung? -- als vielmehr darum, ob eine existentielle Situation durch die Zeilen schimmert. -- Als ich Serotonin las (es war übrigens mein erste Lektüre Houellebecqs), konnte ich mich kaum des Eindrucks entschlagen, daß der Autor weiß, wovon er schreibt ... sich also nicht nur etwas "ausdenkt".

    Eventuell könnte jetzt eingewandt werden, daß dann ja wohl Unterwerfung ein recht "ausgedachtes" Buch sei und mir mithin nach eben erfolgter Kriterienangabe nicht zusagen könnte. Doch dem würde ich widersprechen, denn aus meiner Anschauung heraus wäre dieser Roman anders zu pointieren als es meistens geschieht. -- Houellebecq schildert darin nämlich nicht eine wirklich dräuende "Islamisierungs-" und ergo "Übernahmegefahr" für Frankreich oder gar Europa (er weiß sehr genau, daß derlei absehbar nicht passieren wird); ihn interessiert im Ernst nicht einmal das rein hypothetische Ausmalen eines solchen Szenarios, wie mir scheint; sondern er wendet es an, um daran eine seines Erachtens maßgebende Schwäche der "westlichen" Zivilisation kondensieren zu lassen: Nämlich das Erlahmen ihrer geistigen Potentiale in Tateinheit mit der Korrumpierbarkeit deren Träger, also den sog. Eliten.
    Anders ausgedrückt: Was viele für die Quintessenz des Buches halten -- und dabei eifrig u.a. auch mit Islamophobie-Vorwürfen herumwedeln --, ist für Houellebecq nur Mittel zum Zweck. Im Kern geht es ihm keineswegs um Panikmache wegen vorgeblicher "islamischer Überflutung" des ... ähm ... "jüdisch-christlichen Abendlandes" (wie bigott eigentlich: dieser Begriff vor dem unsagbaren geschichtlichen Realhintergrund des Verhältnisses von Christen und Juden während der letzten zweitausend Jahre!); er will eher auf unsere Schwächen hinaus, die neben anderem -- reiner Ökonomisierung der Lebenswelt etwa und Ersäufen der Massen in absurdem Konsumgebaren -- aus seiner Sicht natürlich insbesondere eine der westlichen Intelligenzia sein soll. Ob er damit im Ganzen Recht hat, kann selbstredend bezweifelt werden. Daß er einige indessen unübersehbare Symptome der entsprechenden Krise hartnäckig beim Namen nennt, scheint mir persönlich allerdings außer Zweifel zu stehen. -- Die eigentlich Angesprochenen (und zumal in D; die frz. intellektuelle Szene ist in diesem Punkt ganz anders konfiguriert als die -- sowieso jämmerlichere -- deutsche) lassen das Houellebecq auch spüren: Mit ihrer teils unreflektierten und in Parts sogar schlicht fehlinterpretierenden Kritik, die bei genauerem Hinsehen nicht verbergen kann, daß auf sie das alte Sprichtwort zutrifft, wonach "getroffene Köter bellen" ...
    Man kann das auch eklatant machen: etwa, wenn man den äußerst mäßigen Reflex mitbedenkt, der gerade auch hierzulande auf Houellebeqcs ausführliche Gedanken, Joris-Karl Huysmans' Werk betreffend, zu verzeichnen ist. Und guckt man auf die geradezu jämmerliche dt. Verfilmung des Romanes, ist dies so arg, daß mir speiübel wird. -- Was von der m.E. gut komponierten Oszillation zwischen Huysmans Protagonisten Jean Floressas Des Esseintes in Gegen den Strich hier und seinem religions-rückwendenden Spätwerk dort schimmert da auch nur durch? -- Nichts! Ich nenne so etwas eine Entstellung ...

    Insgesamt gesehen: Houellebecq pflegt sicher eine scharfe Form des Kulturpessimismus, der mit einem Naturell gepaart ist (betrachtet man seine frühe Sozialisation, nimmt das kaum Wunder!), welches sicher nicht gelassene Heiterkeit als Grundstimmung impliziert. Daher rührt wohl maßgebend das "Düstere" an seinen Romanen. Ich für mein Teil sehe das allerdings nicht als Grund, ihn abzulehnen. Wir bedürfen solcher literarischen Stimmen; wenngleich sicher nicht zu vieler dieser Couleur.

    Danke für dein feedback und Gruß von Palinurus
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. August 2020
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  4. Krimitante

    Krimitante Well-Known Member

    Ich finde, du hast es auf den Punkt gebracht. Ich persönlich lese nicht so gerne düstere Literatur, aber wenn sie doch in einem Werk vorkommt, ist das durchaus erträglich. Ein Buch von vorneherein zu lesen, dass düster ist, ist bei mir eher selten. Houellebecq ist für mich genauso spektakulär wie der Sänger Michel Sardou, der in der Öffentlichkeit sehr umstritten ist, er ist wohl der erfolgreichste Chansonnier Frankreichs seit den siebziger Jahren,. In der Zeit löste er Debatten über das Zölibat aus und mischte sich auch bei anderen wichtigen Themen mit ein. Auf Nachfrage des Künstlers, bezog er sich jedoch immer auf die Kunst und den Vergleich wie ein Schauspieler zu sein. Und obwohl er sehr umstritten gewesen ist, füllte er regelrecht Konzerthallen bis heute und wird von den Franzosen für seine Musik verehrt. Aus literarischer Sicht, empfehle ich schon Bücher von Houellebecq zu lesen, obgleich ich bislang immer nur Zeit für Passagen fand. Und auch als Autor sollte man in viele Bereiche schauen, egal ob diese Thematik ansprechend oder nicht ist. Denn je mehr Vergleiche man als Autor hat, umso besser und gezielter kann man für seine Zielgruppe schreiben.
     
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