Plusquamperfekt - zwischen korrekter Grammatik und Lesefluß

Dieses Thema im Forum "Tipps und Tricks" wurde erstellt von Buchling, 13. September 2020.

  1. Palinurus

    Palinurus Well-Known Member

    Hallo Duane,

    was @Alex Sassland angegeben hat, ist schon richtig. 'Werden' ist als echtes Hilfsverb deshalb unerläßlich -- uund auch unterschieden vom 'ist' zu sehen --, weil nur mit ihm im Deutschen passivische Konstruktionen gebildet werden [sic] können!

    Guck dir diese beiden in Futur I gesetzten Sätze an (und achte nicht auf die schlechte "Performance" des zweiten):

    (1) Ich werde schön sein.

    (2) Ich werde schön gemacht werden.

    (1') Die erste syntaktische Form zeigt einen reinen Zustand mit 'sein' an. Also -- sozusagen -- einen intrinsischen Subjekt-Zustand (der dem Subjekt selbst zukommt).

    (2') Bei der zweiten gibt es diese Zustandsform mit 'sein' auch (erstes 'werden'), ihr ist aber noch ein "echtes 'werden'" beigefügt, das die (Er-)Leide(ns)form (Passiv) anzeigt, also dergestalt, daß nicht 'schön sein' selbst intrinsisch ist, sondern 'schön gemacht sein/werden/worden sein) signifiziert wird. Dabei ist also nicht etwas "an einem selbst" wie bei (1), sondern etwas wird gemacht/getan "an/mit einem selbst".

    Daß die beiden 'werden'-Formen tatsächlich unterschiedlicher Art sind, wird darüberhinaus eklatant, sobald du die Konjugationsreihe von (2) durchgehst:

    Passiv (mit bebeugter Verform + 'werden'):

    -- Ich werde schön gemacht werden.
    -- Du wirst schön gemacht werden.
    -- Er/sie/es wird schön gemacht werden.
    -- Wir werden schön gemacht werden.
    -- Ihr werdet schön gemacht werden.
    -- Sie werden schön gemacht werden.

    Jedoch Aktiv (mit 'sein' [oder dekl. PersProm + Indikativ):

    -- Ich werde (mich) schön sein (machen).
    -- Du wirst (dich) schön sein (machen).
    -- Er/sie/es wird (sich) schön sein (machen).
    -- Wir werden (uns) schön sein (machen).
    -- Ihr werdet (euch) schön sein (machen).
    -- Sie werden (sich) schön sein (machen).

    Wenn du einen Satz willst, bei dem alle drei Hilfsverbformen synchron -- bei verkehrt diachronischer Anordnung -- auftreten, kannst du dir dieses "irre" Konstrukt anschauen:

    Wenn ich einen Unfall überlebt haben würde, bei dem eine Lähmung meiner Brustmuskulatur zu verzeichnen gewesen wäre, würde ich mit einem Beatmungsgerät am Leben gehalten worden sein.

    Ergo: Gäbe es dieses 'werden' nicht als selbständiges Auxiliarverb, könnten wir im Deutschen keine Passivkonstruktion bilden.

    Gruß von Palinurus
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2020
  2. DuaneHanson

    DuaneHanson Well-Known Member

    Krass, Alter, was du alles weißt! Oder auch krass, was man alles so wissen kann. Das ist wunderbar zu lesen, leider werde(!) ich mir dies schlechterdings nicht merken können, was schade ist.
    Gestern lernte ich in einer Kneipe vier Finnen kennen. Klar, es wurde ordentlich getrunken und war echt lustig. Ich habe es völlig vergessen, wie das ist, mit Leuten zusammen zu sein und ein bisschen über die Stränge zu schlagen. Seit März ist sowas ja irgendwie nicht mehr en vogue. Aber das beste war das babylonische Sprachgewirr am Tisch. Die hatten zwar Deutsch in der Schule, aber davon war nicht viel übrig. Also Schwedisch und Englisch. Aber von meinem Schwedisch war auch nicht viel übrig. Nur – so werden sie kein Deutsch lernen, wenn sich jeder mit ihnen auf Englisch unterhält. Denen hätte ich deinen Text vorlesen sollen, die wären sofort wieder zurückgeflogen!
     
  3. Seneca

    Seneca Member

    Naja, "werden" gibt es im Deutschen zweimal: als Hilfszeitwort, das Krücke für das Passiv und das Futur Aktiv ist, und als Vollverb. Da muss ich immer an den Drachen Grisou denken: "Ich werde Feuerwehrmann!"
    Seneca
     
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  4. Urmel

    Urmel Active Member

    Also für diese Aussage muss ich viel mehr geben, als nur "gefällt mir". Das spricht mir aus dem Herzen, denn mir ist es ein völliges Rätsel wie man so etwas wissen kann - ja, wie so etwas erst benannt werden kann!!! Allerdings ist es in gewisser Weise durchaus interessant. Ob es der Verständlichkeit der Sprache dienlich ist?

    Liebe Grüße
    Urmel
     
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  5. Krimitante

    Krimitante Well-Known Member

    Ich finde Du hast das gut gelöst. Ich bin direkt drin in der Vergangenheit Deiner Geschichte und fühle mich mitgenommen oder abgeholt. Bei Rückblenden gibt es ja einiges zu Bedenken in der Schriftstellerei. Nehmt euch Besteller und liest diese bewusst durch. Leistet Detektivarbeit und schaut wie die es mit "Rückblenden" handhaben. So mancher wird sich wundern, in den Bestellern fast keine oder halt nur angerissen welche wiederzufinden. Bei einen der letzten Bücher die ich las, habe ich mal bewusst darauch geachtet und dabei folgendes festgestellt. Der Autor hatte in den wenigen Rückblenden meistens nur 1 maximal 2 Sätze verwendet und dabei die Grammatik richtig angewandt. Es ist nicht immer leicht mit Plusquamperfekt den optimalen Lesefluss zu erhalten. Das kann man Umgehen, indem man Rückblenden Häppchenweise an die Leser abgibt. Das hat den Vorteil, dass der Fluss zum Lesen erhalten bleibt und auf der anderen Seite eine große Spannung aufbauen kann, wenn man nicht alles gleich heraus posaunt.
     
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  6. Waldfried

    Waldfried Well-Known Member

    Vollverb? Gute Idee, aber das wäre dann ein Fall wie etwa in: "Das wird schon wieder."
    Im "Feuerwehrmann"-Beispiel ist "werden" wieder etwas anderes, nämlich Kopulaverb (es stellt eine Verbindung her zwischen Subjekt (ich) und Prädikatsnomen (Feuerwehrmann)).
    Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass "werden" auch als Modalverb auftreten kann: "Du bist so viel gelaufen, du wirst müde sein. Setz' dich doch ein wenig."
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2020
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  7. Seneca

    Seneca Member

    Ok, stimmt: Kopulaverb. Aber bei Ihrem letzten Beispiel "du wirst müde sein" gehe ich formal von einem Futur I aus und würde von einem Hilfszeitwort sprechen und das Adjektiv prädikativ deuten. Aber in Bezug auf den Inhalt geht es in Richtung Modalverb.
    Seneca
     
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