Veröffentlichung "Inside Bruno Kosmalla"

Dieses Thema im Forum "Who is who" wurde erstellt von narratöör, 28. Juli 2020.

  1. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    herzlichen Dank! Nein, der Lernprozess endet ja nie. Und eure Kritik - auch wenn der Roman bereits im Handel ist - erscheint mir wichtig.
    Die Sache ist kompliziert. Da ich während der Saison auf der Insel keine Lesungen machen kann und im Winter das Publikum wahrscheinlich aus vier Schafen und zwei Einheimischen bestehen würde, spare ich mir das. Ich arbeite in einem Fahrradladen und hatte in den letzten acht Jahren gut 50000 Gäste im Geschäft. Ich setze auf Mundpropaganda und bis jetzt klappt das recht ordentlich, wenn auch nicht so durchschlagend. Dann hat eine Badebuchhandlung - heißt tatsächlich so - mein Buch vorrätig und wenn ich meinen Roman nicht im Fahrradladen verticke, schicke ich die Menschen dorthin. Ab nächster Woche hängt dann auch ein selbstgemachtes Plakat am Schaufenster, mit dem Cover, dem Klappentext und dem Hinweis "Der neue Ralf T. Franzen ist da!". Etwas vermessen, aber durchaus korrekt in er Aussage. Des weiteren gibt es hier auf der Insel eine Facebookseite, die recht viel frequentiert wird, sowohl von Syltern als auch von Einheimischen. Dort wird eine Vita erscheinen, ein Hinweis auf die besagte Buchhandlung und wohl ein paar markante Textauszüge. Ein paar Exemplare verschicke ich an kleine Buchhandlungen auf dem Festland. Die großen sind leider zu arrogant, die wollen nur Bestseller. Dabei vergessen sie, dass man mit dieser Politik gar keine Bestseller produzieren kann... Zu guter Letzt bin ich speziell in Wenningstedt recht bekannt.
    Das Ganze kostete - bis auf Druckerfarbe, ein paar Bücher, Papier und Büroklammern und Porto - nix.
    Zeit, ach, Zeit..., existiert doch eigentlich gar nicht, hat mal jemand behauptet, oder? Ansonsten - jeden Abend nach einem zehn, elf Stunden-Tag. Aber ich mache es ja gern.
    Die Marge bei BoD ist ganz ordentlich. Ich lasse mich einfach überraschen. Auf der Insel besteht leider eine Art Bruderschaft, Klüngel - nenne es, wie Du willst, und es ist nicht leicht, da hinein zu kommen. Hätte ich aber auch keinen Bock drauf. Ich bin im literarischen Bereich weniger der Hengst, und wenn doch, dann ein Ponyhengst. Inhaltlich und im Stil unterscheide ich mich extrem von den Syltkrimis, und genau das will ich auch. Hey, brecht die Regeln, probiert etwas Neues aus, lasst Euch richtig gehen, haut auf den Putz!
    Das ist im Groben mein "Konzept".
     
  2. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Ich würde gerne noch einmal eine Lanze brechen für lange, verschachtelte Sätze. man kann damit einen Effekt erzielen. Ein Beispiel aus "Bruno Kosmalla", Szene Silke & Bruno:

    Sie war ziemlich groß, etwa einen halben Kopf größer als Bruno, blond mit ein paar pinkfarbenen Strähnchen drin und trug einen Korb am Arm, der so groß war wie das Beiboot der Kontiki. Bruno schüttelte zwanghaft die ihm dargebotene Hand und mit einer kleinen Körperdrehung, die sehr geübt aussah, flutschte sie an ihm vorbei in die Wohnung. Bruno ließ sie gewähren.
    Silke schien zu den Menschen zu gehören, die jeden Raum ganz genau betrachteten und sie umschiffte mit ihrem Beiboot halsbrecherisch und durchaus risikobereit die schwer gefährdete Anrichte mit dem Sevre-Porzellan, machte eine scharfe, halbe Halse um den Wohnzimmertisch und ging nach einer kleinen Kurskorrektur vor den Fernsehern vorläufig vor Anker.
    „Wow! Fünf Glotzen! Und welche guckst du immer?“
    „Alle gleichzeitig.“
    „Ach, komm!“
    Bruno hasste unangekündigten Besuch, aber er hasste fast ebenso intensiv angekündigten Besuch und so versuchte er das Beste daraus zu machen und bot Silke einen Kaffee an. Das gab ihm etwas Zeit. Als er das Wohnzimmer wieder betrat, hatte sich Silke bereits auf dem Sofa ausgebreitet; auf dem Tisch lagen eine Schachtel Zigaretten „Slim Line“ und ein buntes Einwegfeuerzeug, eine Packung Tempos, eine Packung Tampons, ihr Handy in pinker Hülle mit kleinen Kätzchen drauf, ein Basecap, das sie nicht auf dem Kopf getragen hatte, als sie die Wohnung betrat, eine Schachtel Tictac orange edition, zwei Paar weiße, gerollte Söckchen, die man drüberzog, wenn man Schuhe anprobieren wollte, und ihre Jacke waren auf der Sitzfläche des Sofas drapiert. Trotzdem schien ihr Bastkorb noch rappelvoll und die weiche Decke, die den Rest des Inhaltes verbarg, wölbte sich.

    Das sollte suggerieren, wie Silke so tickt. Da passt eine lange Aufzählung sehr gut. Chaos eben.
    Zum Anderen möchte ich an den genialen Leo Perutz erinnern, der in einer Kurzgeschichte um 1916 beschreibt, in der sich versehtlich beim Reinigen einer Waffe in einer Kaserne ein Schuß löst. Der Flug dieser Kugel (durchschlägt eine Wand, dann das Knie des Obergefreiten, zerfetzt die Brotdose des Rekruten Swoboda, etc.) wird über etwa eine halbe Seite genau beschrieben. In einem Satz. Und der Effekt ist sehr interessant. Was macht so ein Satz mit einem, wenn man ihn liest?
     
  3. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Dafür, verehrter Palinurus, muss ich mich noch einmal xtra bedanken. Du scheinst es besser analysiert zu haben als ich. Die Sache ist einfach die, daß ich wenig im Leben ausgelassen habe, verdammt wenig. Hast Du einmal gesehen, wie ein Stadtstreicher mit Hilfe eines Taschenspiegels festzustellen versucht, ob er das zweite Würstchen schon gegessen hat? Ich habe viel Extremes gesehen, erlitten, genossen und erfahren und meine Sicht auf die Welt gefestigt. Es mag nicht die "richtige" Welt sein, aber es ist meine. Und nur die zählt schließlich. Insofern verfüge ich über ein hoffentlich gesundes Selbstvertrauen, da gebe ich Dir recht. Ich bin ja nun so langsam ein alter Mann und in mir macht sich seit ein paar Jahren das Gefühl breit, ich führe jetzt mal langsam die Ernte all dessen ein, was mir im Leben widerfahren ist. Ich hoffe, daß ich als alter Knacker immer noch offen bleibe, meine Meinung zu ändern und mich belehren zu lasssen.
     
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  4. Renator

    Renator Well-Known Member

    Also ich muss sagen, dass mich die Geschichte - wie bei vielen - ab Seite 1 neugierig machen muss. Wenn sie das tut, dann adaptiere ich mich auch gerne an den Schreibstil des Autors an (wenn er Talent hat). Kurze knappe Sätze, mag ich wiederum nur selten. Sie bringen mir keine Ruhe beim Lesen und manchmal erinnert mich der Schreibstil an Kinderbücher. Schachtelsätze erfordern mir mehr Konzentration ab und geben mir das Gefühl, näher dran zu sein (wenn der Show don’t Tell Faktor passt). Dann geht auch das abschalten und hinein sinken. Lange Sätze vermitteln mir auch mehr Tiefgang. Gedankengänge, die durch einen Punkt ausgebremst werden und erst wieder Fahrt aufnehmen müssen, kommen oft aufgesetzt rüber und zu ausgedacht. Wer denkt schon mit Satzzeichen. Natürlich gibt es auch bei den Kurzsätzlern Meister ihres Fachs (Hemingway, Fante, etc), aber die gibt es auch bei den Schachtelsätzler. Zu dem nüchternen Beobachter passen kurze Sätze. Zu dem alten nachdenklichen Mann, der in die Retrospektive geht, um von seinen Fehltritten im Leben zu erzählen, passen Schachtelsätze ... denn eines führte ja nahtlos zum anderen. Man liest oft, dass Schachtelsätze anstrengend seien oder man schnell den Faden verliert. Wenn man aber sieht, wo Leute heutzutage lesen, ist es kein Wunder. Auf dem Ergometer (während aus den Boxen des Fitnessclubs laute Musik dröhnt), in vollbesetzten Zügen, im Schwimmbad oder ... oder ... oder. Dort ist man besser mit vielen Punkten statt Kommas bedient, um nach einer kurzen Ablenkung, den langen Satz nicht wiederholen zu müssen. Ich lese oft von „handwerklich gut geschrieben“, aber das verbinde ich mit Normen und DIN. Bücher sind noch immer Geisteswerke und jeder Geist ist anders. Es gäbe mit Sicherheit weniger Begeisterung in der Literaturwelt, wenn alle ihr Werke im selben Stil zu Papier bringen würden. Meine Freunde erzählen auch in unterschiedlicher Weise von ihrem Alltag. Am Ende kommt es doch darauf an, ob man ihnen folgen konnte und gerne zugehört hat. Ob sie dabei oft "geil", "dann" oder "krass" gesagt haben, ist doch egal. Ein gewisser Ductus macht das Buch doch auch lebendiger.

    Zu der Geschichte von narratöör: Sie hat mich abgeholt, weil mir ähnliche Charaktere im Leben begegnet sind und mich auch der Fortgang interessiert. Ich kann seinem Stil folgen und in passender Umgebung gut lesen. Die oft vorkommenden „hatte“ habe ich beim Lesen nicht wahrgenommen. Texte kann man auf verschiedenen Ebenen lesen. Ein emotionaler Leser hat ein dickeres Fell, als der rationale Leser. Ich, als emotionaler Leser, finde ich die Kritiken teils zu harsch und irgendwie bekam ich beim durchgelesen das Gefühl, dass jeder Leser ein auf sich maßgeschneidertes Buch abliefern soll, sonst gibt es eine höchst subjektive Kritik.


    Um es auf den Punkt zu bringen; Schachtelsätze widern mich nur bei Steuererklärungen-Erklärungen, Gebrauchsanweisungen, Paragraphen (Beamtendeutsch) oder wenn sie generell kompliziert geschrieben sind, an.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2020
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  5. Palinurus

    Palinurus Well-Known Member

    Lieber Narratöör,

    du triffst halt den Nagel auf den Kopf -- und das habe ich "rausgelesen" aus dem, was du eingestellt hast --, wenn du die Differenz zwischen deiner und der (angeblich) "richtigen Welt" so scharf konturierst! Und vermutlich würden wir beide nicht viel Mühe haben, uns darüber zu verständigen, daß das lit. Schreiben den Fokus natürlich je auf die erstere legt, denn -- so sehe ich das -- wenn es dahinkäme, daß der persönliche, subjektive Ausdruck in der Literatur dem weichen würde, was in anderen Sphären des Denkens und des Ausdrucks "richtige Welt" heißt, würde es sehr, sehr schlimm um die Welt stehen (welche, nebenbei bemerkt, als DIE WELT sowieso nur ein Phantasma empiristischer Spinner ist: darauf hat schon Wittgenstein mit bis heute unwiderlegten Argumenten hingewiesen, als er in den galizischen Schützengräben von WK I seinen berühmt-berüchtigten Tractatus schrieb!).

    Ich habe das heute morgen in einer Antwort auf @DuaneHanson ein bißchen weiter ausgefaltet, weshalb ichs hier bei dieser Einlassung bewenden lassen möchte.

    Viele Grüße von Palinurus
     
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  6. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    Gratuliere zum fertigen Roman!

    Verschachtelte Sätze (in der Unterhaltungsliteratur) stören mich auch nicht, solange sie einmal eine gewisse Spannung vermitteln und Interesse wecken, zum anderen, wenn ich sie verstehe, ohne sie fünfmal lesen zu müssen um zu kapieren, was sich darin jetzt worauf bezieht. (Außerdem 'schachtele' ich selber auch ganz gerne.)
    Bei Storys, die so anfangen, ist ziemlich klar, dass man keinen Actionkracher vor der Nase hat, man muss sie mögen und man muss dafür in Stimmung sein, aber wenn das zutrifft, sind solche Romane eine tolle Sache.

    Mir gefällt der Anfang, du hast nämlich genau das geschafft, was in anderen Fällen so oft schiefgeht: Zwar einen Haufen Information auch noch wunderschön verschachtelt präsentiert, dabei aber keinen Infodump produziert(!).
    Alles, was du gleich zu Beginn erzählst und beschreibst, scheint mit der folgenden Story eng verwoben zu sein, man findet es interessant, man kann sich alles problemlos merken und sich auch schon ein bisschen einfühlen. Und du lockerst zwischendurch auch immer wieder mit einem kurzen, knackigen Satz auf.
    Ich war auch sofort drinne in der Handlung, über das etwas inflationäre 'hatte' bin ich auch gestolpert, aber das ist Jammern auf hohem Niveau und lässt sich ohne weiteres verschmerzen.
     
  7. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Vielen Dank für Eure lobenden Beiträge. Und vielen Dank für die weniger lobenden Sätze.
    Natürlich sind wir alle in der Wahrnehmung subjektiv, es kann ja gar nicht anders sein. Wir sind alle unterschiedliche Wesen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die uns geprägt und geformt haben. Insofern erscheint mir absolute Objektivität ein Witz. Krimitante, die Probleme mit dem Wort Kaff hat, oder vierzehn schreckliche "hatte", das ist schon in Ordnung. Ich empfand die Kritik nicht als harsch, aber eben subjektiv. Ich finde es auch recht spannend, dass sich jemand die Mühe macht, das Wort "hatte" zu zählen, oder eben die korrekte Anzahl an Sätzen - drei! -eines Dialoges anzugeben und scheinbar auch darauf besteht.
    Dem stimme ich unumwunden zu. Wenn ich das auch nie so intelektuell begründen könnte...
    Das freut mich sehr, verehrte Yoro! Und Du hast recht, es gibt wenig Passagen, die dem Selbstzweck dienen. Letztendlich geht es um das Innere von Bruno Kosmalla; alles was geschieht, steht mit der Story im Zusammenhang.
    Ist das nicht traurig? Für einen Handwerker ein tolles Lob und natürlich muss man auch als Autor lernen, wie man den Pinsel hält, um Effekte zu erzielen. Aber es darf nicht nur - in meinen Augen - aus Technik bestehen. Ich bin auch Musiker und die Beherrschung eines Instrumentes ist sicherlich wichtig. Noch viel wichtiger ist jedoch das Gefühl, das ich selbst generiere, wenn ich spiele, wenn ich singe. Das ist hör- und fühlbar.
    Deswegen klingen Musicals auch immer so Scheiße...
     
  8. Suse

    Suse Well-Known Member

    Toll! Welches Instrument spielst du? Schreibst du auch Lieder? Solist? Bandmitglied?
    Deshalb finde ich Joe Satriani auch nicht so gut wie die meisten anderen, um nicht zu sagen: schlecht. Er mag ein technischer Perfektionist sein. Aber es ist null Leben in seinem Gitarrenspiel.
    Das Thema gehört nicht ganz hierin, aber vielleicht beantwortest du meine Fragen in einer PM? Mein Mann ist auch (Hobby-)musiker und ich bin musiksüchtiger Konsument.
     
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  9. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Dafür brauchen wir keine PM.
    Ich spiele Gitarre, Chromonika und diverse Flöten, am Liebsten jedoch die Pennywhistle. Das ist die irische Flöte, die man beim Irish Folk so hört. Hohe Töne (ich habe sie u. a. zum Leidwesen meiner Nachbarn in F ), schnelle Läufe. Und natürlich Gesang. Ich bin in keiner Band, das war mal. Ich spiele nur noch für mich bzw. für meine Frau. Und klar, es fehlt mir die Zeit im Sommer.
     
  10. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Verrehrte Mitstreiter im Namen des Wortes; ich bedanke mich für Eure Kritiken. Ich weiss, dass meine Sicht auf die Welt vielleicht etwas anders ist und diese nicht von Jedem gemocht oder verstanden wird. Din-Norm - siehe oben. Aber ihr habt mir Mut gemacht, deshalb will ich Euch noch einen markanten Text nachschiessen:

    Kalle
    Kalle Brodersen war ein Schwein, ein gigantisch egoistisches, immer auf seinen Vorteil bedachtes Schwein. Das Problem war, dass er überhaupt nicht so aussah. Kalle hatte das gut geschnittene Gesicht des ewigen Bengels mit hohen Wangenknochen und einer markanten Nase mittendrin, strahlendweißen, ebenmäßigen Zähnen und das ganze Ensemble war von einem Wust schwarz-brauner Haare perfekt eingerahmt. Diesen Haarschnitt kannte Bruno nur von Pastorensöhnen, die komischerweise immer Matthias hießen. Ohne Zweifel, Kalle war ein gutaussehender Mann und mit diesem dentalen Strahlen konnte er einen Ballsaal erleuchten. Oder eben das Hinterzimmer einer Kneipe. Und wer würde Jemandem mit so dermaßen perfekten Zähnen nicht vertrauen? Eben.
    Bruno vermutete, dass Kalle bereits als Spermie allen anderen Mitbewerbern im Kampf um das eine, verheißungsvolle Ei Beine gestellt und sie abgezockt hatte, noch bevor das eigentliche Rennen überhaupt begonnen hatte. Schon seine Zeugung auf einem alten Sofa, dass in seinem morbiden Charme eher zu einem Besäufnis, einem Schlaganfall oder einem erweiterten Suizid einlud, war ein Akt des Ego zwischen Bügelwäsche und gebratenem Schweinehirn mit Spiegelei. Kalles Vater, ein schwerer, kantiger Mann mit großem Alkoholproblem, hatte ihm bereits in jungen Jahren beigepult, dass mit Arbeit nichts zu erreichen sei. Der alte Brodersen war seiner eigenen Philosophie allerdings nur insoweit entsprochen, als dass er Kalles verhärmte, gehetzte Mutter zur Frühschicht in die Fischkonservenfabrik schickte, während er selbst die meiste Zeit seines Lebens in seinen geliebten Fernsehsessel furzte und sich volltrunken in die Hosen pisste. Alle dachten, dort, in diesem Fernsehsessel, würde der alte Brodersen auch in die ewigen Jagdgründe eingehen, aber in dem Frühjahr, in dem Kalle fünfzehn Jahre alt werden sollte, wurde sein Vater von einem ALDI-Laster überfahren, der mit Gläsern voller abgelaufenem Apfelmus auf dem Rückweg in die Zentrale war und einem Hartz-4-Empfänger ausweichen musste, der um diese Uhrzeit auf der Straße eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte. Kalles Karriere begann in der dritten Klasse mit kleinen Diebstählen im Supermarkt: Kaugummi, Zigaretten und Schnaps, den er bei den Pennern am Bahnhof für den unschlagbaren Preis von einer Mark pro Flasche vertickte, hatte sich bei den Diebstählen aber so offensichtlich blöde angestellt und wurde ergo vom Filialleiter erwischt. Die darauffolgenden Strafen und Standpauken, die ihm die jeweiligen Erwachsenen verpassten, waren ihm nach dem dritten und vierten Male so unangenehm, dass er sich schnell einer anderen Art der Geldgewinnung zuwandte. In der sechsten Klasse steckte in seiner Dino-Brotdose ein Butterfly-Messer, er hatte bereits zum zweiten Male erfolgsarm das Rauchen aufgegeben und ein Jahr darauf war er zum Drogendealer der Schule avanciert. Als das nach seinem jämmerlichen Schulabschluss nicht mehr so lief, begann Kalle mit irrwitzigen Ideen, anderen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
    Eine dieser Ideen, die unter Kripobeamten immer noch gern erzählt wurde, war die Gründung der Selbsthilfegruppe „Schwule Analphabeten“. Durch Zufall hatte Kalle auf dem Flohmarkt einen großen Karton voller Lesebücher aus den sechziger Jahren erstanden – „Willi und Dora aus Fischbach“ – und einen wegen Sodomie abgehalfterten Zoo-Tierarzt engagiert, der im Hinterzimmer einer Kneipe hübschen, schwulen, jungen Männern das Lesen und Schreiben lehrte. Und es war kaum zu glauben, wie viele schwule Männer in dieser Stadt nicht lesen und schreiben konnten! Jedem der Jungs hatte Kalle ein knallbuntes, absolut zweckfreies Diplom versprochen, jeweils 999,- € kassiert und war zudem an den verzehrten Speisen und Getränken prozentual beteiligt. Der ganze Schwindel flog auf, als sich der Tierarzt, der eigentlich nur auf Frauen, Ziegen und Esel stand, in einen der Jungs hoffnungslos verknallte und diesem nach einer Nacht voller Sex, Alk, Sperma und Tränen gestand, dass er gar kein Lehrer sei und es die wissenschaftliche Lehrmethode „Clap, stump and read“ aus Oakwood, Wisconsin gar nicht gab. Kalle musste damals in einer Nacht- und Nebel-Aktion die Stadt verlassen, weil eine Truppe wütender, modisch gekleideter, hübscher Jungs tagelang auf der Suche nach ihm die Straßen durchkämmte. Und Kalle Brodersen war zwar auf der Flucht, jedoch mit rund 40000,- € in der Tasche, mit denen er begann, weniger kriminelle oder wenigstens weniger durchschaubare Geschäfte zu machen.
     
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  11. Palinurus

    Palinurus Well-Known Member

    Lieber Narratöör,

    was für ein wild-erfrischend rauschender Wasserfall einer Charakterstudie, die Bilder- und Assoziationskaskaden nur so sprudeln läßt, glucksendes Lachen evoziert und -- jedenfalls für mich -- einen Autoren am Werke aufscheinen läßt, dem die lustgepeitschte Tinte nur so aus der Feder fließt (wobei ich fast schon versucht war, hier noch eine ganz andere Fluß-Metapher zu setzen, zumal deine Couch-Szene ja eh dazu animiert ... :X3:). Phantastisch!

    Du hast Talent! Mach bloß weiter so!

    Herzliche Grüße von Palinurus
     
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  12. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Geht ja nicht, ist farblos....
    Darauf darf ich gar nicht eingehen. Aber - Herzlichen Dank! Ich weiss, was Du meinst. Und so ähnlich funktioniere ich auch.
    Nummer drei und vier sind in Arbeit, es muss einfach raus. Aber nicht ganz so, wie in Deinem Vergleich.
     
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  13. Lusmore

    Lusmore Well-Known Member

    Ich kann mich Palinurus da nur voll und ganz anschließen.
     
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  14. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    Ich finde den Text klasse! Selten gesehen, dass jemand so viele an sich völlig nutzlose Informationen so wundervoll und gekonnt verpackt, dass es einfach nur Spaß macht, das zu lesen. *HierjetzteinApplaus-Smileydazudenken*.

    'beigepult' ist vermutlich das, was man bei uns im Süden 'verklickert' nennt, oder? Und eins noch aus der Klugscheißerecke: Die Einzahl von Spermien ist Spermium. Aber egal, du hast mich jetzt soweit, dass ich mir das Buch hole.
     
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  15. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Macht mich fertig..., meine Schulbildung ist nicht die Beste. Naja, ich töte einen Lehrer, das will ich eigentlich bereits seit der Grundschule, das spricht wohl für sich. Und ich musste schon das hier googeln:
    lateinisch evocare = heraus-, hervorrufen; vorladen, zu: vocare, Vokabel

    Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert..., gehört wohl eher in die Filmzitate (A-Team).
    Natürlich, die story spielt in meinem natürlichem Lebensraum und es gibt einige Nordizismen. Welcher Bayer oder Franke oder Hesse heisst schon Kalle Brodersen?
    Vielen Dank, verehrte Yoro!
     
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  16. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Ich stelle meine Charaktere immer sehr deutlich dar und - klar - in tell. Später natürlich auch in der Handlung. Mit dieser Vorinformation ist es leichter, sich diese Person auch bei einem Dialog vorstellen zu können. Jeder hat so seine Geschichte, seine Basis, die erklärt, warum Jemand so oder so ist. Das ist natürlich recht grob ( ich bin ja auch kein Psychoanalytiker ), aber hoffentlich so deutlich, dass man in der folgenden Handlung ein genaues Bild von dem jeweiligen Darsteller bekommt. Im Idealfall genau das Bild, dass ich während der Beschreibung vor Augen hatte. Mein Ziel: Meine Bilder in die Köpfe des Lesers zu pflanzen. Ich denke manchmal, ich könnte dabei übertreiben, aber es macht mir einen Heidenspass, so zu beschreiben. Je skurriler, bildhafter und ungewöhnlicher die Wortwahl bei den Charakterisierungen, desto deutlicher bleibt das auch in Erinnerung. So die Theorie.
    Noch ein Beispiel:

    Tyson
    Tyson Alexander roch eine warme Mahlzeit zehn Meilen gegen den Wind. Da seine viel zu junge Mutter all ihre hormonell bedingte Liebe in diesen wirklich tollen Vornamen investiert hatte, reichte der klägliche Rest kaum aus, um ihm auch nur eine einzige Wurststulle zu schmieren. Infolgedessen wuchs Tyson bei seinen Großeltern auf. Diese beiden alten Leutchen hätten ganz sicherlich genug Liebe für ihn empfunden, es mangelte jedoch an Verständnis für diese neue Generation, die alles so anders machen wollte, sich komisch kleidete, und eine völlig unbekannte Sprache sprach. Zu allem Überfluss hörte Tyson diese grau-en-vol-le Musik, die in ihren Augen diese wohlwollende Bezeichnung kaum verdiente. Alles, was nicht mit einer Wurzelbürste und Kaltwassergüssen zu bewerkstelligen war, erschien den Beiden sowieso völlig absurd. Und so ließen Oma und Opa den Jungen einfach laufen, betraten sein Zimmer nicht mehr und begegneten drohenden Schreiben von Schule und später der Justiz mit geriatrischem Unverständnis. In ihren Augen war Tyson Alexander ein guter Junge.
    Mittlerweile war Tyson 26 Jahre alt, wohnte immer noch bei seinen Altvorderen und ging keinerlei bruttosozialproduktfördernder Tätigkeit nach. Die meiste Zeit des Tages verpennte er in seiner unsäglich verwüsteten Bude, aber nach Einbruch der Nacht, ungefähr dann, wenn sich Manni mit einer Rolle Klopapier und einer Tube norwegischer Handcreme in sein Bett legte, trieb er sich auf dem Kiez herum, immer auf der Suche nach einer günsti-gen Gelegenheit zu Geld, Ruhm, Ehre oder eben einer warmen Mahlzeit zu kommen. Es gab immer eine Möglichkeit, einen besoffenen Touristen abzuzocken und auch vor Gewalt schreckte Tyson nicht zurück. Er war eben ein zorniger junger Mann, der seinen rechtmäßigen Anteil von der Gesellschaft einforderte, weil er das einmal in einer Zeitschrift beim Zahnarzt gelesen hatte. Und diesen Anteil forderte er vehement ein, wann und wo sich auch immer eine Gelegenheit bot. Und zornig war er ohnehin. Allerdings mit mäßigem Erfolg. So breitbeinig wie Tyson die Straße im Rotlicht herunterschaukelte, beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben und um den Hals eine Goldkette, hätte man den Eindruck haben können, dass er hier der Boss sei, aber er war nur ein kleiner Scheißer, der auch notfalls die Brocken aufklaubte, die bei den Großen vom Tisch fielen. Und Tyson war massiv pleite. Er war vorbestraft und rechtmäßig verurteilt worden, einmal zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren, ein weiteres Mal als Erwachsener zu dreieinhalb Jahren, beide Male wegen schwerer Körperverletzung in Tateinheit mit Einbruchdiebstahl. Gott sein Dank lernte er im Knast in der Antiagressionstherapie einen erfahrenen Kämpfer kennen, der ihm all die fiesen Tricks beibrachte, die man so braucht, um sich Respekt zu verschaffen, oder im richtigen Knast seinen Knackarsch zu verteidigen. Und Tyson hatte es tatsächlich geschafft, die JVA vollkommen jungfräulich zu verlassen. Allerdings ohne die gesamten dreieinhalb Jahre auch nur ein einziges Mal zu duschen.
     
    -prh, monaL, Pferdefrau und 4 anderen gefällt das.
  17. Brigitte182

    Brigitte182 New Member

    Bei diesem Text (Tyson) habe ich sofort ein klares Bild vor Augen.
    Gediegenes Hotel, irgendwo im Süden. Toller Pool, keine Kinder weit und breit, es ist ca. 14 Uhr und ziemlich heiß. Einige Gäste sind schon leicht angeschickert, andere pappsatt vom Mittagessen, aber insgesamt alle ruhig und friedlich.
    Und einer liegt da und liest. Und stört immer wieder sporadisch die Stille, weil er scheinbar grundlos los kichert. :)
     
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  18. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Ihr Abgrundguten! Man kann ja nach Likes süchtig werden. Das war mir so nicht bekannt. Ich bedanke mich für Eure Kritik und in gleichem Maße für den Zuspruch, den ich erfahren habe. Es zeigt mir eigentlich ziemlich genau das, was ich mir vorstellte: Meine Art zu schreiben ist nicht Jedermanns Sache und das war auch nie meine Absicht; selbst, wenn ich es könnte. Aber es gibt wohl offensichtlich Einige, die mit meinem Stil, meiner Sichtweise der Dinge und meiner Art "klarkommen" und vielleicht sogar mögen. Es war der richtige Weg, Euch diesen Roman vorzustellen, nachdem er veröffentlicht wurde. Ich weiss nicht, was Zweifel mit meinem Plan gemacht hätten. So ist das Huhn bereits im Topf und ich hätte nichts mehr ändern können. Ich freue mich darauf, in etwa einem Jahr Nummer drei vorstellen zu dürfen.
    Meinen Dank an Euch.
     
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  19. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    darüber bin ich gestern Abend vor lachen fast aus dem Bett gefallen (und wir haben ein Hochbett :D).
    Im Grunde geht der Satz so eigentlich nicht - aber er funktioniert! Man weiß haargenau, was damit gemeint ist, diese monströsen Spießer-Schrankwände aus den 70ern, am besten noch mit einer gut sichtbaren Goethe-Gesamtausgaben-Attrappe, die Zierde eines jeden anständigen deutschen Wohnzimmers *WÜRG*!
    Jedenfalls zeigst du hier ganz toll, dass man Regeln auch ohne weiteres mal brechen darf, wenn dafür dann das Ergebnis so toll passt.

    Sehr gelungen und treffend ausgedrückt finde ich auch
    :LOL::D:ROFLMAO:
     
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  20. narratöör

    narratöör Well-Known Member

    Hey, Yoro! Du bist aber schon weit! Freut mich.
    Nee, da steht der Duden drin, Komplettausgabe, in den nie Jemand hineingesehen hat und Sammeltassen und fünfzehn jahre alte Schoko-Ostereier, die so weiß sind, das sie niemand mehr essen kann. Und es gibt ein verspiegeltes Barfach, wo Vati die dänischen Pornohefte versteckt, weil Mutti nie da ran gehen würde und hinter einer Schiebetür eine Stereoanlage und Platten von Wim Thoelke, Drei mal Neun, und Bata Illic, dem alten Warzenzüchter und Juliane Werding, "Am Tag, als Conny Kramer starb". Wohlgespeicherte Traumata meiner Kindheit. Verehrte Yoro, wir sind fast ein Baujahr, Du weißt genau, was ich so empfinde.
    Vielen Dank an Dich. Ja, klar! Brecht die Regeln, laßt Euch richtig gehen, versucht etwas Verrücktes! Normal kann ja jeder und die Welt hat die "Anderen" schon immer gebraucht.
    Ich bin gespannt auf weitere Kritik von Dir.
     
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