Zwickmühle Leben oder Tod

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Tessley, 28. Oktober 2019.

  1. Tessley

    Tessley Well-Known Member

    Hi Leute,

    kennt ihr das? Ihr habt eine Story, eure Charaktere, mit denen ihr Mitfiebert und dann plötzlich denkt ihr: Hm … der Überraschungseffekt wäre jetzt, wenn einer stirbt.
    Aber ihr hängt so an dem Charakter, dass ihr ihn nicht sterben lassen wollt?

    Ich bin immer noch hin und her gerissen.
    Und die Option, ihn irgendwie wieder aufstehen zu lassen, finde ich lahm. (Zeitweilig auch Vorhersehbar.)

    Wobei ich auch nichts schlimmer finde, als den Hauptcharakter sterben zu lassen. Ich hasse solche Bücher.
    (Deswegen lese ich keine Dramen, da sterben eh immer alle.)
    Da quält man sich durch zig Buchreihen, ließt tausende von Seiten, nur um zu erleben, wie er hinterher krepiert.
    Ätzend. Das ärgert mich dann immer und ich könnte die Bücher so in die Ecke werfen.

    Wart ihr auch schon mal in so einer Situation? Lasse ich ihn sterben oder nicht? Nehmt ihr das, was passt? Oder lasst ihr keinen unplanmäßig sterben?


    LG Tessley
     
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  2. Berti

    Berti Well-Known Member

    An so einem Fall bin ich auch gerade dran. Ich brauche eine starke Zäsur als Auftakt einer Geschichte. Anschließend will ich erzählen, warum alles so gekommen ist/kommen musste. Von Nacht zu Nacht schwanke ich da von Sterben zu Unfall zu Krankheit. Jedenfalls wird das Leben nicht so weitergehen können, wie bisher …
    Herzliche Grüße
    Berti
     
  3. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    Ich würde sagen, es kommt drauf an, wie viele Hauptpersonen man zur Verfügung hat.

    z.B. George R.R. Martin hat keinerlei Skrupel, selbst wichtige und liebgewonnene Figuren über die Klinge springen zu lassen. Das hält den Leser natürlich auch in einer ständigen Spannung, denn plötzlich fehlt jegliche Sicherheit, dass ein Protagonist ja eigentlich nicht sterben kann. Manchmal ist es auch notwendig, gerade bei Game of Thrones, wenn Ned Stark nicht hingerichtet worden wäre, hätte der ganze Plot nicht funktioniert.

    Weil aber kaum jemand auf einen so derart reichhaltigen 'Protagonisten - Pool' zurückgreifen kann, ist das echt eine schwierige Frage. Ich hab mir mittlerweile angewöhnt, dass ich auch eine Figur killen kann, die ich sehr mag (der Plot heiligt die Mittel :D), aber man muss sehr drauf schauen, dass die Story auch 'ohne' weiter funktioniert. Wenn mit der Figur eine wirklich tragende Säule wegfällt, hat man ein Problem.
    Sehr geschickt wäre es natürlich, wenn man bereits beim Plotten eine Figur als Opfer ausersieht, sie liebevoll aufbaut, ihr einige Bedeutung gibt - und sie dann sterben lässt.
     
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  4. Ulli

    Ulli Administrator Mitarbeiter

    ... oder man bekommt bei ihm den Eindruck, dass er einen Handlungsfaden zu viel gesponnen hatte, den er dann unliebsam gewonnen "loswerden" will - ggf. durch den abrupten Tod der Hauptfigur dieses Stranges.
    Ich weiß noch gut, dass ich kurz nach der Jahrtausendwende, als "The Song of Ice and Fire" noch "nur" eine Fantasy-Serie war, den Tod von Robb Stark genau so empfand.
    Ich hatte vorher schon mehrere Male beim Lesen gedacht "Wo steckt der eigentlich? Er ist jetzt schon sooo lange nicht erwähnt worden?", und dann kam das in meinen Augen schlecht gemachte, sehr "erzwungene" Kapitel seines Todes.

    So sollte man es wohl eher nicht machen ...
     
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  5. monaL

    monaL Active Member

    "Unplanmäßig" lasse ich keine Hauptperson sterben, nicht mal gerne "planmäßig", da ich absoluter Fan von Happy-Ends bin :)
    Aber das kommt natürlich immer darauf an ... Wenn man zum Beispiel das ganze Leben von jemandem erzählt, könnte die Story natürlich auch mit dessen Tod enden.

    Da fand ich zum Beispiel diese "Bestimmung" - Bücher schlimm, wo die männliche Hauptperson im dritten Band stirbt. Hinterher fiel der Autorin dann anscheinend ein, dass sie wohl doch ganz gerne noch einen vierten Band geschrieben hätte, was aber ohne den Mann schlecht funktioniert hätte. Was tut sie also? Sie schreibt die ganze Geschichte noch mal, dieses Mal aus der Sicht des Mannes ... Langweiliger ging's kaum. Schade, die Story war eigentlich ganz gut.
     
  6. Lusmore

    Lusmore Well-Known Member

    wobei solche Fortsetzungen ja generell schwächer sind, auch die von Scalzi´s Klonkriegen fand ich nicht so doll. Dahingegen das Geschehen auf der Nostromo aus der Sicht der Katze zu zeigen finde ich toll.
     
  7. Milar

    Milar Well-Known Member

    Bei mir gehört der Tod einer Figur zum Plot.
    Bei einer Geschichte löst der Tod der Ehefrau des Protagonisten die folgenden Ereignisse erst aus.
    Bei einer anderen ergab es sich beim Entwickeln, dass ich die langjährige Lebensgefährtin der Protagonistin sterben lasse. Erstens ein tolles Drama, zum zweiten muss sich die Protagonistin neu orientieren und ihr Leben (= Geschichte) geht in eine neue Richtung.
    Ich weiss, man macht sich bei einer sympathischen Figur immer Gedanken. Aber wenn es der Geschichte nützt, dann sollte man nicht zimperlich sein. Es ist nur eine fiktive Geschichte. Ein Serienkiller-Roman funktioniert ja auch nicht, wenn niemand stirbt.
     
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  8. Max

    Max Well-Known Member

    Darüber hatte ich ebenfalls längere Zeit nachgedacht, als ich den zweiten Teil meines "Hexers" vorbereitete. Es ist hart, eine Hauptfigur sterben zu lassen. Kein Leser wünscht das. Dennoch schreiben wir nicht nur, um angenehme Gefühle auszulösen und die Erwartungen der Leser zu befriedigen. Wir wollen auch gezielt Erkenntnisse und Schlussfolgerungen transportieren. Der Tod einer Figur kann beim Leser viel Nachdenken auslösen und ist somit nicht unbedingt als literarisches Mittel auszuschließen. Aber dennoch leben wir natürlich auch mit unseren Figuren.
    Ich habe mich dann letztlich entschlossen, es bei schweren Verletzungen, einem Koma und Fast-Tod zu belassen. Dennoch hat mein Held ein paar Folgen davon getragen, die für den Verlauf der Geschichte entscheidend sind.
    Ich habe aber ein paar andere Figuren umkommen lassen.